Schön, Helmut: Regionalpolitische Konzepte und Strukturwandel ländlicher Räume - Eine Analyse am Beispiel des oberen Altmühltals. Bonn (1996) 258 S., Landw. F., Diss. v. 11.10.1996

 

Waren früher eine geringe Bevölkerungsdichte und eine hohe wirtschaftliche Bedeutung des Agrarsektors ausreichende Kriterien, um ländliche Räume abzugrenzen, so hat sich die Trennschärfe zwischen Stadt und Land in vielen Bereichen aufgelöst. Der Strukturwandel hat dazu geführt, daß die Heterogenität der Raumstruktur und damit die Disparitäten sowohl innerhalb der Zentren als auch innerhalb der ländlichen Räume zugenommen haben. Die qualitative Analyse der praktizierten Regionalpolitik zeigt, daß sie im Gegensatz zur räumlichen Entwicklung traditionellen Handlungsmustern verhaftet geblieben ist, die nur bedingt geeignet erscheinen, die angestrebten regionalpolitischen Ziele tatsächlich zu erreichen.

Vor dem Hintergrund der sich verändernden politischen und wirtschaftlichen Rahmen­bedingungen gehen neue Einflüsse auf die regionalpolitischen Instrumentarien vor allem von der europäischen Ebene aus. Kennzeichnend für die europäische Regionalpolitik ist neben dem Übergang von der Einzelprojektförderung zur integrierten Programmplanung die Zielsetzung, Fördermaßnahmen an endogenen Entwicklungspotentialen zu orientieren. Die Untersuchung verdeutlicht, daß es keine eindeutige Definition des Entwicklungspotentials gibt und folglich auch keine einheitliche potentialorientierte Entwick­lungsstrategie. Trotz zum Teil widersprüchlicher Argumentationslinien und Zielset­zungen ist allen Konzepten die Forderung gemeinsam, die politischen Maßnahmen an die regionalen Gegebenheiten anzupassen. Aus institutioneller Sicht können dazu dezentrale Organisationsformen des politisch-administrativen Systems und Kooperationsformen zwischen staatlichen und privaten Akteuren auf regionaler Ebene einen wichtigen Beitrag leisten. Zusätzlich sind instrumentelle und verfahrenstechnische Innovationen im Bereich der Planung und Steuerung von Entwicklungsprozessen notwendig.

Mit der Einführung der Gemeinschaftsinitiative LEADER wurde von seiten der EU ein Förderprogramm geschaffen, das neben der Potentialorientierung explizit die Unterstützung lokaler Initiativen vorsieht und damit institutionelle Innovationen zur Umsetzung erfordert. Als eine von 217 Modellregionen in Europa wurde das obere Altmühltal ausgewählt, das klassische Merkmale ländlicher Räume aufweist. Aus struktureller Sicht sind dies eine disperse Siedlungsstruktur verbunden mit einer geringen Bevöl­kerungsdichte, eine relativ große Bedeutung des Agrarsektors, der mit einem forcierten Strukturwandel konfrontiert ist, aber auch positive Entwicklungsansätze im Produ­zierenden Gewerbe. Die Beurteilung der Standortsituation durch außerlandwirtschaftliche Unternehmen läßt den Schluß zu, daß hemmende Einflüsse für die zukünftige Entwicklung vor allem von qualitativen Mängeln des vorhandenen Arbeitskräftepotentials ausgehen können.

Die intraregionale Differenzierung anhand ausgewählter Indikatoren verdeutlicht, daß dies nicht für alle Kommunen gleichermaßen zutrifft, sondern die Region durch kleinräumige divergierende Entwicklungsprozesse gekennzeichnet ist. Mit Hilfe statistischer Verfahren werden auf der kommunalen Ebene vier unterschiedliche Entwicklungstypen identifiziert. Ein besonderer Handlungsbedarf zeichnet sich bei einem Gemeindetyp ab, der überwiegend landwirtschaftlich geprägt ist. Dort steht dem Funktionsverlust der Landwirtschaft kein Zugewinn in anderen Bereichen gegenüber, so daß man unter Berücksichtigung demographischer Prozesse von einer kleinräumigen passiven Sanierung sprechen kann. Daß sich auch unter diesen Bedingungen durch eine aktive Regionalarbeit und durch institutionelle und instrumentelle Innovationen Entwicklungs­prozesse induzieren lassen, zeigen nicht zuletzt die vorhandenen Beispiele in der Region.